Rede zum Volkstrauertag 2022

Wir haben uns heute am Volkstrauertag hier versammelt, um der unzähligen Opfer von Kriegen, Terror und Gewalt zu gedenken. Der Volkstrauertag ist älter als die Bundesrepublik selber. Er geht zurück auf einen Vorschlag des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge, um an die unzähligen Opfer des Ersten Weltkrieges zu erinnern, in der Hoffnung, dass die Erinnerung an den Schrecken und all das Leid eine Mahnung sei, die den Frieden sichern könne.

Heute, mehr als 100 Jahre später, müssen wir leider zugeben, dass sich diese Hoffnung nicht erfüllt hat. Dem Ersten Weltkrieg folgte der Zweite Weltkrieg, der wieder Millionen von Menschen sinnlos das Leben kostete. In allen Teilen der Welt fanden und finden immer wieder Kriege statt. Meistens weit weg von uns. Aber mit dem Ukraine Krieg sind wir erstmals direkt wieder in Europa betroffen.
Noch immer herrschen Terror, Hass und Angst in unzähligen Ländern unserer Erde. Täglich sterben Hunderte von Menschen an deren Folgen. Menschen müssen ihre Heimat verlassen, verlieren ihre Familien, brechen auf in eine ungewisse Zukunft ohne jegliche Sicherheit. Jedes Jahr gibt es am Volkstrauertag mehr Menschen, derer wir gedenken müssen, anstatt weniger. Und das sollte uns zu "denken" geben. Die meisten von uns haben selber nie Krieg erfahren müssen. Wir sind in Frieden aufgewachsen, mussten nie um unser Leben fürchten und dieser Frieden war immer selbstverständlich. Doch nicht alle Menschen unserer Gemeinde hatten dieses Glück, was uns immer selbstverständlich erschien.
Mit dem Ende des zweiten Weltkriegs kamen viele Heimatvertriebene auch hier in Waibstadt an. Auf vielen Geburtstagsbesuchen und Altersjubiläen höre ich immer wieder die Erzählungen von den privaten Schicksalen, die sich damals ereignet haben. Fast achtzig Jahre später ist die Vertreibung aus der alten Heimat für viele noch so präsent, als wäre es gestern gewesen. Das zeigt, wie tief sich dieses Ereignis bei den Betroffenen in ihre Erinnerung eingeprägt hat. Man wurde vom eigenen Haus und Hof verjagt, ausgestattet mit nur wenigen Habseligkeiten und oft getrennt von Eltern und Geschwistern. Dazu kam die Angst vor der Ungewissheit: Was erwartet mich, wo lande ich überhaupt und wie soll mein Leben weitergehen? Schon damals war Wohnraum knapp und so gab es Zwangseinweisungen, um diese Menschen unterzubringen. Nicht immer wurde das mit Freundlichkeit akzeptiert.
Aber heute können wir ohne Zweifel behaupten, dass aus dieser Notlage heraus auch viele Freundschaften entstanden sind. Alle, die damals bei uns ankamen haben in Waibstadt eine zweite Heimat gefunden und würden nirgendwo anders leben wollen. Und doch ist immer auch eine Sehnsucht nach der alten Heimat aus diesen Erzählungen heraus zu hören.
Auch heute gibt es bei uns wieder Menschen mit Fluchterfahrung. Viele von ihnen mussten bereits um ihr Leben fürchten, alles zurücklassen und in ein fremdes Land gehen, in dem sie nicht unbedingt von allen herzlich empfangen wurden. Sie haben Dinge erlebt, die unsere Nachfolge-Generationen hier in Deutschland, sich nicht einmal annähernd vorstellen können. Sie haben ihre Angehörigen und ihre Freunde verloren oder zurücklassen müssen. Je länger ich darüber nachdenke, wie viel Glück wir haben, in Frieden aufwachsen zu können, umso dankbarer werde ich.
Gleichzeitig stellt sich die zentrale Frage: wie kann es sein, dass trotz all dem Geschehenen noch immer nicht überall Frieden herrscht.
Hat die Menschheit nichts aus ihren Fehlern gelernt?
Wie kann es sein, dass nach wie vor im Namen verstiegener Ideologien Millionen von Menschen sinnlos ihr Leben lassen müssen?
Wie kann es sein, dass unter dem Deckmantel von Religionen Menschen unterdrückt und getötet werden.
Wie kann es sein, dass Menschen, die unsere Hilfe benötigen, abgewiesen werden?
Und vor allem, wie kann man dies alles ändern?
Können wir überhaupt etwas ändern?

 
Sind wir als Einzelne nicht eigentlich machtlos in Anbetracht der großen Macht, die die Regierungen dieser Welt besitzen? Sind es nicht sie, die über Krieg und Frieden entscheiden? Ich denke nein. Regierungen werden vom Volk gewählt. Es sind somit die Menschen selbst, die entscheiden. Wir alle zusammen haben die Möglichkeit, Frieden zu schaffen und zu wahren. Wir müssen nur den Mut aufbringen, unsere Meinung auch zu äußern. Es gibt leider noch immer viele Länder, in denen das nicht möglich ist, wo das Volk systematisch unterdrückt wird.
 
Frieden, Freiheit und Sicherheit waren für uns in Deutschland bzw. in Europa selbstverständlich geworden. Krisen, Kriege und Terror waren meistens weit weg. Bis zum letzten Jahr konnte ich an diese Stelle sagen, dass uns die europäische Idee bereits seit über 75 Jahren Frieden gebracht hat. Das hat sich mit dem Krieg in der Ukraine leider geändert.
Für uns war es eigentlich unvorstellbar, dass Russland die Ukraine tatsächlich angreifen könnte. Seit Februar, wenn man präzise hinschaut eigentlich seit der Annexion der Krim im Jahr 2014 herrscht wieder Krieg in Europa.
Russland hat mit dem Angriff auf die Ukraine erneut das Völkerrecht und alle Regeln der Nachkriegsordnung in Europa gebrochen.
Im Jahr 2022 müssen wir Bilder aus der Ukraine sehen, von denen wir gehofft hatten, dass sie sich gerade auf unserem Kontinent nicht wiederholen. Menschen, die vor Bomben in U-Bahnschächte fliehen, die sich an der Grenze von Ihren Familien trennen oder für immer Abschied nehmen müssen und an große, frisch ausgehobene Massengräber.
Wir sehen, wozu Menschen fähig sind – im Guten, wie im Schlechten: Flüchtlingskonvois unter gezieltem Beschuss, geplünderte und zerstörte Städte, und grausame Massaker an Zivilisten. Aber auch erbitterter Widerstand von ukrainischen Soldaten, mutiger Protest von Zivilisten gegen Panzer und eine immense internationale Hilfsbereitschaft.
All die Schrecken des Krieges finden in Europa statt. Von Berlin bis zur ukrainischen Grenze ist es genauso weit wie nach Brüssel. Mit den Menschen in der Ukraine verbindet uns vieles: eine gewaltvolle Vergangenheit, aber auch die Fundamente einer gemeinsamen Kultur und der Wille zur demokratischen Selbstbestimmung für eine friedliche Zukunft.
Es ist deshalb richtig und wichtig, dass Europa der Ukraine die volle Unterstützung gegen Putins Krieg zugesagt hat. Denn in diesem Krieg werden auch unsere Werte verteidigt. Über diese Unterstützung gab es zu Kriegsanfang eine große Zustimmung in der Bevölkerung. Mittlerweile müssen wir selbst mit großen wirtschaftlichen und finanziellen Einbußen dieses Krieges leben und schon dreht sich die ursprüngliche Stimmung zusehends. Das darf nicht sein. Wir dürfen uns von Despoten wie Putin nicht erpressen lassen und unsere eigentlichen Werte nicht verkaufen.
 
Die Kriege dieser Welt sind aber schon lange auch auf andere Weise bei uns angekommen. Und zwar durch die vielen Menschen, die in unserem Land Zuflucht suchen. Sie sind aus den Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt geflüchtet und viele sind noch auf der Flucht. Sie kommen bzw. kamen insbesondere aus Syrien, Irak, Afghanistan oder Afrika nach Europa. Und seit Februar kommen noch in großer Zahl die Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine hinzu.
Es war und ist eine große Herausforderung, diese Menschen unterzubringen. Und ich danke an dieser Stelle allen, die Wohnraum zur Verfügung gestellt haben, um diese Aufgabe bis hierher zu meistern.
Aber ich sehe auch mit Sorge die Ankündigung von Bund und Ländern, dass uns in den nächsten Monaten eine weitere Flüchtlingswelle bevorsteht, die noch größer sein soll, als die im Jahr 2014. Auch das Meistern dieser Krise soll wieder an die Kommunen delegiert werden. Dabei wird verkannt, dass nicht nur wir sondern alle Städte und Gemeinden schon lange an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt sind. Es gibt faktisch keinen verfügbaren Wohnraum mehr.
Man hat schon das Gefühl, dass die Bundespolitik die Basis und damit uns alle, schon lange aus den Augen verloren hat.
Bereits vor fünf Jahren habe ich an dieser Stelle, im Rückblick auf die damalige Flüchtlingswelle gesagt, dass neben unserer Arbeit vor Ort auch politische Lösungen gefunden werden müssen. Passiert ist nichts.
Ich würde sogar behaupten, dass unsere Politik in dieser Frage komplett versagt hat. Es gibt nach wie vor keine europäische Lösung bzw. europäische Quotenregelung für die Aufnahme von Flüchtlingen, es gibt keine Konzepte, damit Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, in ihrer Heimat lebenswerte Zustände vorfinden, damit sie diese schon gar nicht verlassen müssen. In den letzten Jahren hat man vor diesen Problemen die Augen verschlossen, anstatt sie nachhaltig zu lösen.
Ganz anders war es bei den Menschen vor Ort, hier bei uns in Waibstadt. Damals 2014 wie heute war uns klar, dass es unsere humanitäre Verpflichtung ist zu helfen, wo es notwendig ist. Das ist Teil unseres christlichen Glaubens und einfach auch unsere Lebenseinstellung.
Zu einer ehrlichen Politik gehört auch, dass man unangenehme Themen und Probleme anspricht und nicht verheimlicht. Man darf nicht alles schön reden. Integration ist keine Einbahnstraße. Die zu uns geflüchteten Menschen müssen aktiv daran mitarbeiten. Genauso wie wir uns um eine humanitäre Willkommenskultur bemüht haben, können wir erwarten, dass jeder, der bei uns leben möchte, auch von sich aus aktiv um Integration bemüht ist.
Dazu gehört, dass unser Wertekatalog akzeptiert wird; ich nenne hier zum Beispiel unsere rechtsstaatlichen Prinzipien oder die Akzeptanz der Rolle der Frau. Gleichberechtigung ist nicht verhandelbar.
Weiterhin gehört dazu das Erlernen der deutschen Sprache. Und es gehört dazu, dass man sich um Arbeit bemüht, um das soziale Netz nicht zu sehr zu belasten. Das ist nicht einfach - aber machbar. Gute Beispiele gibt es schon viele.
Erst wenn das gelingt, werden auch die kritischen Stimmen leiser werden. Wobei man eine klare Linie ziehen muss zwischen konstruktiver Kritik und rechtspopulistischer Polemik.
 
 
Jedes Problem, das man nicht angeht, fällt einem bekanntlich irgendwann wieder auf die Füße.
Das sieht man derzeit sehr drastisch an einer komplett verfehlten Energiepolitik. Wir haben uns von einem unzurechnungsfähigen Machtmenschen Putin bei der Gaslieferung abhängig gemacht. Wir müssen mit irrsinnig gestiegenen Strom- Gas- und Ölpreisen leben. Hinzu kommt eine Inflationsrate, wie wir sie schon lange nicht mehr kannten. Der Winter und das nächste Jahr werden für viele sehr schwierig. Vor allem Geringverdienter und Rentner wissen heue noch nicht, wie sie ihre Nebenkostenabrechnungen bezahlen sollen.
Das alles kann sehr schnell wieder zu einer gefährlichen Gemengelage führen und auch hier warten wir bisher vergeblich auf nachhaltige politische Lösungen.
Die Welt scheint derzeit aus den Fugen zu geraden. Gewalt und Brutalität nehmen immer mehr zu. Man traut sich schon gar nicht mehr die Nachrichten zu verfolgen. Gewalt und Terror sind in Europa  und bei uns an der Tagesordnung. Uns ist längst klar, Terror und Gewalt können überall passieren und suchen sich immer neue Methoden und Wege und wir haben erneut schmerzlich gelernt:
Frieden und Sicherheit sind fragil und überaus wertvoll. Umso wichtiger ist unser aktiver Einsatz für Frieden, Freiheit und Stabilität im Kleinen und im Großen.
Wir wünschen uns eine Welt ohne Krieg, Gewalt und Terror und sind doch weit davon entfernt. Wir wünschen uns eine Welt ohne Fremdenfeindlichkeit und Rassismus und beobachten doch selbst im eigenen Land eine besorgniserregende Entwicklung. Im Osten hat es bereits wieder die ersten Brandanschläge auf Flüchtlingsheime gegeben. Unglaublich!
Nur gemeinsam und in gegenseitigem Respekt vor einander, von Mensch zu Mensch, aber genauso unter den Völkern und Religionen können wir diese Ziele erreichen. Frieden ist keine Selbstverständlichkeit. Wir müssen ihn immer von neuem erringen, wenn er nicht verlorengehen soll.
Der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck sagte: „Wir dürfen uns von den Fanatikern und Mördern nicht unser Lebensprinzip diktieren lassen.“
Krieg und Terrorismus sind globale Herausforderungen und es bedarf daher einer weltweit koordinierten Antwort durch die Staatengemeinschaft und eines umfassenden Ansatzes. Im Fokus stehen dabei vor allem auch Maßnahmen zur Beseitigung der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ursachen und das Schaffen rechtsstaatlicher Strukturen.
Nichts desto trotz bleibt es Aufgabe jedes Einzelnen sich aktiv für den Frieden in unserem Land und in der Welt zu engagieren. Lassen Sie uns, auf der Basis der Erinnerung und mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen in Deutschland, Europa und der Welt, uns immer und immer wieder für unsere demokratischen Werte einsetzen, denn wie bereits erwähnt: der Frieden ist wertvoll und zerbrechlich.
Der Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge hat mit diesem Gedenktag zur Versöhnung über den Gräbern und zum gemeinsamen Frieden aufgerufen. Die Opfer der Kriege sollen uns Mahnung sein, dass so was nie wieder geschieht. Wir müssen aus der Geschichte lernen. Insbesondere die Gräueltaten, die im 2. Weltkrieg von deutschem Boden ausgingen, dürfen sich nie wiederholen
Der Erfolg der Nationalsozialisten wurde unter anderem mit der wirtschaftlichen Notlage der damaligen Zeit begründet. Geschichte darf sich diesbezüglich auf keinen Fall wiederholen. Leben wir stattdessen bewusst das diesjährige Motto des Volkstrauertages: Gemeinsam für den Frieden.
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In Ehrfurcht vor den Toten der beiden Weltkriege und der Opfer von Gewaltherrschaft sowie aller Kriegsopfer und im Dienst gestorbenen Soldaten weltweit lege ich als Zeichen des Gedenkens diesen Kranz nieder.
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Wir denken heute

an die Opfer von Gewalt und Krieg an Kinder, Frauen und Männer aller Völker. Im Besonderen denken wir heute an die gefallenen ukrainischen und russischen Soldaten, sowie die notleidende ukrainische Zivilbevölkerung. Außerdem sind unsere Gedanken bei den Menschen und insbesondere den Frauen im Iran, die derzeit gegen ein menschenverachtendes Regime kämpfen.
Wir gedenken
der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren haben.
Wir gedenken derer,
die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.
Wir gedenken derer,
die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.
Wir trauern
um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.
Wir gedenken heute auch derer,
die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde oder Schwache Opfer geworden sind.
Wir trauern
mit allen, die Leid tragen um die Toten und teilen ihren Schmerz. Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung und der Versöhnung unter den Menschen und Völkern; und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der Welt.
 
Ich danke dem Seniorenchor und dem Musikverein für die musikalische Gestaltung dieser Gedenkfeier sowie der Freiwilligen Feuerwehr, dem DRK, dem Turnverein und dem Schützenverein für die würdige Umrahmung der Gedenkfeier. Ich bedanke mich bei Ihnen allen für Ihr Kommen.
Es freut mich, dass für Sie die Teilnahme an dieser Gedenkfeier noch als selbstverständlich und verpflichtend angesehen wird.
 
Wir hören jetzt zum Abschluss nochmals den Musikverein und wollen danach die Gedenkfeier beenden. Ich wünsche Ihnen allen einen besinnlichen Tag im Kreise Ihrer Familie.
 

(Erstellt am 21. November 2022)